Verhaltensprobleme
Mobbing: No-Nos
NO-NO'S
Regeln, damit aus einem Gruppenkonflikt auch sicher ein massiver Mobbingfall wird
Als Eltern:
(1) Mit den Eltern des/der Täter (über Erziehungsmethoden) sprechen
Reaktionsmöglichkeiten der Eltern des Täters:
Die Eltern des Täters nehmen ihr Kind in Schutz Folge: Sie billigen das Verhalten ihres Kindes. Der Täter wird das wahrnehmen und höchst wahrscheinlich als Billigung seines Verhaltens interpretieren.
Eltern werden das Verhalten ihres Kindes bestrafen Folge: Der Täter lernt am Modell der Eltern, dass "Strenge" im Umgang mit anderen eine angemessene Strategie ist. Wahrscheinlich ist, dass der Täter sich dann streng gegenüber anderen Peers zeigt.
Beide Alternativen bedeuten für das Opfer weitere Schikane.
(2) Mit dem/den Täter/n sprechen
Wahrscheinliches Verhalten der Eltern des Opfers:
Eltern von Opfern werden versuchen Mitgefühl beim Täter zu wecken
Folge: Das direkte Einschreiten der Eltern des Opfers interpretiert der Täter als Schwäche des Opfers sich nicht selbst wehren zu können und wird als Aufwertung (Statusgewinn mit dem der Täter höchstwahrscheinlich prahlen wird) für die eigene Person gewertet.
Eltern von Opfern versuchen dem Täter zu "drohen"
Folge: Wenn Erwachsene dem/den Täter/n "drohen", versuchen sie ihr Ziel mit aggressiven Strategien zu erreichen und das führt dazu, dass der/die Täter das Opfer für das "Petzen" bestrafen (Aggression verstärkt Aggression!).
Der/die Täter schikanieren jemanden mit Absicht, d.h. verletzen andere oder ein anderes Kind wiederholt und demonstrieren auf diese Weise ihren sozialen Einfluss in der Gruppe (sozialer Status im Sinne von Anerkennung, Beliebtheit, Macht). Solche Verhaltensstrategien sind stabile Verhaltensmuster. Daher ist es Tätern nicht einfach so möglich, nur aufgrund eines Gesprächs (und noch unwahrscheinlicher mit den Eltern der Opfer), solche stabilen Verhaltensmuster unmittelbar zu ändern. Es gibt keinen Anlass dazu, denn wenn Sie Mitgefühl oder Angst hätten, wäre ihre Strategie nicht so lange in der Schule erfolgreich.
Empfehlung: Grundsätzlich gilt, dass Klassenlehrer die primäre Verantwortung im Fall von Mobbing haben. Eltern haben darauf zu achten, dass die Schule ihrer Fürsorgepflicht nachkommt und mit entsprechenden Maßnahmen eingreift. Dazu gehört aber, dass Eltern in Belangen mit dem eigenen Kind, die Verantwortlichen (Klassenlehrer, Direktor) in regelmäßigen Abständen genau informieren.
(3) Das Opfer mit zu sämtlichen Lehrergesprächen mitzunehmen
Lehrende neigen in der Regel dazu die Schuld für das Mobbing zunächst beim Opfer zu suchen Folge: Das Opfer glaubt ohnehin, dass es aufgrund personaler Eigenschaften oder wegen seines Aussehens schikaniert wird. Eine Konfrontation mit den Lehrenden ist für das Opfer in jedem Fall emotional sehr schwierig und kann Schuldgefühle beim geschwächten Opfer verstärken.
Empfehlung: Eltern sollten ihrem Kind empfehlen, den Lehrer immer unmittelbar nach einem Vorfall zu informieren und um zu Hilfe bitten. Am besten in Begleitung eines Freundes oder Mitschülers.
Als Lehrer
(1) Den speziellen Fall diskutieren
- Der Mobbingfall wird in einem gemeinsamen Gespräch von Opfer und Täter zusammen besprochen.
- Der Mobbingfall wird in der ganzen Klasse offen angesprochen oder sogar diskutiert.
Folgen: Nimmt ein Lehrer oder Schuldirektor auf irgendeine Weise konkret Bezug auf das Opfer („'hört auf Simone zu schikanieren") und den/die Täter („'Claudia, du hörst in Zukunft auf, sonst bekommst du einen Verweis"), so und führt er Mobbing auf bestimmte Personen zurück.
Dieses bestärkt Täter in ihrem Verhalten, weil es (trotz einer möglichen Strafe) für ihr Ansehen und ihren Einfluss einen Gewinn darstellt.
Darüber hinaus werden Täter, Opfer, und auch der Rest der Schulklasse in ihrem Glauben bestärkt, dass das Opfer die Schuld an dem Mobbing trage.
Hinzu kommt, dass sich Täter natürlich für die aufgrund des Petzens möglicherweise erteilte Strafe - IN JEDEM FALL - das Opfer bestrafen.
Darüber hinaus lernen Mitschüler auf diese Weise, dass man als Opfer vor der ganzen Klasse bloßgestellt wird und als Täter die erwünschte Aufmerksamkeit erfährt.
Empfehlung: Gespräche und Diskussionen über Mobbing sind generell sinnvoll, sofern keine Personen direkt angesprochen werden. Lehrer sollten stets über Verhaltensweisen sprechen (auch wenn die Schüler anfangen Namen zu rufen). Es ist EGAL wer Mobbingverhalten zeigt. Der Lehrer kann auf Namensnennungen der Schüler kontern und deutlich sagen: "Es ist für mich überhaupt nicht von Bedeutung, ob ein Markus, eine Sybille oder sonst jemand schikaniert". Wer auch immer ein solches Verhalten zeigt (schlagen, treten, Lästern, Gerüchte verbreiten) - nicht die Person wird sanktioniert - sondern das VERHALTEN. Vorsicht: Täter und ihre Unterstützer werden natürlich versuchen den Lehrer zu überzeugen, dass das Opfer aggressiv ist, indem sie es geschickt provozieren oder erzählen, dass er/sie angefangen hat.
Um Mobbing effektiv zu bekämpfen, müssen Schüler lernen, dass bestimmte Verhaltensweisen in der Schule unangemessen sind und nicht akzeptiert werden. Unerheblich ist es, an wen die Sanktionen gerichtet sind.
(2) Implizit Partei ergreifen und eine wertende Position einnehmen
Lehrer (Eltern ebenso, Erwachsene generell) tendieren dazu eindeutige Positionen einzunehmen, wenn sie Tipps und pädagogische Ratschläge geben. Zum Beispiel:
zum Opfer: Du solltest vielleicht einfach ein bisschen mehr aus Dir herausgehen, dann würden Deine Mitschüler auch anders auf Dich eingehen"
zum Täter: "Du weißt doch, dass sie/er so ist, lass’ sie/ihn doch einfach in Ruhe"
Folge: Täter und Opfer werden in ihren Rollen und Handlungsweisen bestärkt, was eine Perspektivenübernahme erschwert oder sogar verhindert und zu weiterem Mobbing führt.
(3) Nach kurzfristiger Besserung, locker zu werden
Unternommene Maßnahmen von Lehrern zeigen erwünschten Erfolg und werden daher wieder eingestellt.
Folge: Die Schüler und Schülerinnen lernen dabei, dass zwar Unannehmlichkeiten auftreten, wenn sie jemanden schikanieren, aber diese nicht von langer Dauer sind. Das Opfer würde massiver schikaniert werden, damit es nicht wieder petzt. Inkonsequentes Verhalten seitens der Lehrenden verstärkt die Aggression bei den Schülern.
Empfehlung: Wenn Regeln oder Maßnahmen eingeführt werden, dann sollten diese so gewählt sein, dass sie einfach aber effektiv sind. Am besten solche, bei denen alle Lehrer mitwirken können. Generell sind Regeln, die am Anfang des Schuljahres eingeführt werden am sinnvollsten.
Als Eltern des Opfers und Lehrende in Bezug auf das Opfer
(1) Opfer aus der Klasse nehmen
Folgen:Würde das Opfer die Klasse verlassen, so würde aggressives Verhalten als eine effektive Strategie bestätigt und sehr wahrscheinlich würden sich Täter einfach ein neues Opfer suchen.
Das Opfer würde lernen, dass Weglaufen ein Weg zur Problemlösung ist. Auch dem Opfer wird die Möglichkeit genommen, mögliche "provozierend wirkende" Handlungsweisen zu erkennen und zu ändern. Es kann durchaus wieder passieren, dass es auch von den neuen Klassenkameraden schikaniert wird.
Täter haben einen Bedarf an erzieherischer Aufmerksamkeit um sollten die Chance erhalten zu lernen, dass prosoziales Verhalten tatsächlich die günstigere Strategie ist, soziale Macht zu erlangen.
Empfehlung: Die Auflösung von Mobbing sollte eine Modellfunktion für alle Schüler haben. Die Maßnahmen sollten daher mit und innerhalb der Klasse erfolgen. Nur so erhalten Schüler die Möglichkeit soziale Fertigkeiten im Umgang mit Mobbing zu erlernen und sich aktiv an solchen Problemen zu beteiligen.
(2) Mobbing auf die Persönlichkeit des Opfers zurückführen
Folge: Führt man Mobbing auf die Persönlichkeit des Opfers zurück, so bedeutet das eine klare Schuldzuweisung dem Menschen gegenüber und damit wird die ganze Verantwortung für das Entstehen des Mobbings aber auch für das Beenden auf das Opfer verlagert. Das Opfer wird dadurch noch stärker in für ihn/sie „unlösbare" Situation gedrängt und möglicherweise zu riskanten Handlungen verleitet (Suizid, Weglaufen, Schule schwänzen, Autoaggression). Opfer können das Mobbingproblem nicht ALLEINE lösen. Versuchen Sie sich mal für einen Moment vorzustellen, wie es ist, sich tagtäglich gegen fünf Erwachsene zu wehren.
Empfehlung: Hier empfiehlt sich, Maßnahmen zu ergreifen, bei denen das Opfer auch versteht, dass das Verhalten der anderen unangemessen ist und dass jeder Opfer von Mobbing werden kann. Es ist ganz entscheidend, dass alle Beteiligten (Opfer, Täter und Mitschüler etc.) begreifen, dass Mobbing ein erlerntes Verhalten ist, welches unter Gleichaltrigen nicht angemessen ist, und nicht toleriert werden sollte.
Quelle:
LMU - München Dr. Kulis
Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie
Mai 2005









