Verhaltensprobleme
Mobbing unter Freunden
Konflikt aus Freundschaft heraus
ein Fallbeispiel
Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn Simon (12 Jahre) von seinem ehemals besten Freund Reiner (11 Jahre) massiv angegriffen wird.
Reiner beschimpft, schlägt und hetzt andere gegen Simon auf. Die Schikanen haben sich auf die ganze Klasse ausgeweitet und die Jungen unterstützen Reiner nicht nur bei seinen Angriffen sondern beschuldigen auch noch Simon vor Lehrern als Täter. Auch die Mädchen der Klasse attackieren Simon.
Das Mobbing dauert schon länger als ein Jahr und findet täglich statt.
Das Mobbing hat sich derart verschlimmert, dass Simon mit Prellungen, blauen Flecken und blutiger Nase nach Hause kommt. Simons Schulleistungen haben seit einigen Monaten stark nachgelassen und er weigert sich aktiv, die Schule zu besuchen. Er kommt sehr oft wütend aus der Schule nach Hause. Darüber hinaus zieht er sich stark aus dem Familien- und Freundeskreis zurück.
Die Eltern beider Jungen haben sich bemüht, Reiner und Simon wieder zusammenzuführen, aber die Schikanen haben nur noch größere Ausmaße angenommen.
Die Mutter erzählt ferner, dass zu Beginn des Streites ihr Sohn Simon auch Angriffe gestartet habe, und das Verhältnis zwischen den beiden Jungen gleichstark" gewesen sei. So war es weder für Lehrer noch für Eltern eindeutig zu erkennen, wer für die Vorfälle verantwortlich war. Mittlerweile hat auch die Klassenlehrerin aufgrund von Beobachtungen in der Pause festgestellt, dass Reiner zum Angreifer und Simon zum Opfer geworden ist.
Die Klassenlehrerin ist um eine Auflösung der Situation sehr bemüht, wohingegen der Direktor weniger davon überzeugt ist, dass Reiner der Schuldige ist. Er möchte, dass Simon die Klasse wechselt.
AUF DEN ERSTEN BLICK
Muss ein schikaniertes Kind die Klasse oder gar die Schule wechseln, wird vom Opfer und vom Täter angenommen, dass "Weglaufen" eine Lösungsstrategie für Schwierigkeiten sein könnte. Dem Opfer wird vorenthalten zu lernen, dass man der Aggression anderer nicht hilflos ausgeliefert sein muss. Für das Selbstbewusstsein des Opfers wäre es wichtig zu erfahren, dass in einer Mobbingsituation (a) ein Anrecht auf Unterstützung von außen besteht, (b) dass es Regeln (und letztlich sogar einklagbare Gesetze gibt), die gemacht sind, um in der Schute ein Klima zu schaffen, in dem alte Kinder ohne Angst lernen können und (c) dass es nicht-aggressive Strategien gibt, um persönliche Probleme zu lösen.
In diesem Fall wird das Opfer in den Augen aller an dem Geschehen Beteiligten (Mitschüler, Lehrer und Eltern) zum „Sündenbock" gemacht. Eine solche Reaktion ist eine klare Schuldzuweisung gegenüber dem Opfer als Person Die Angst der Mitschüler, selbst zum Opfer zu werden, wird dadurch verstärkt und führt ferner zu einer Stabilisierung der Machtposition des Täters.
Werden aggressive Handlungsweisen in der Schule nicht unterbunden, ergibt sich für die Schüler folgerichtig, dass sie angemessen oder zumindest zulässig sind. So verschaffen sich Täter mit dem strategischen Einsatz von Aggression einen tatsächlichen Vorteil: den Gewinn an Status.
THEORIE
Für den Direktor scheint in diesem Fall nicht eindeutig, wer Opfer und wer Täter ist. Beide Schüler haben - so wird berichtet - sich anfangs aggressiv gegeneinander verhalten.
Eine Unterscheidung in proaktive und reaktive Aggression kann hier sehr nützlich sein:
Das Verhalten proaktiv-aggressiver Kinder ist zielgerichtet: Die angestrebte „Belohnung", besteht in der Behauptung einer Machtposition. Proaktiv-aggressive Kinder haben die Fähigkeit zur geschickten Provokation, z.B. verbales „Sticheln", so dass das Opfer Aggression zeigt, und der Täter dann und dadurch einen Vorteil erzielen kann.
Reaktiv-aggressive Kinder, wie Simon, reagieren hingegen häufig aus erhöhter Unsicherheit heraus. In der Mobbingsituation kann Simons Verhalten also nicht als ein Angriff gewertet werden, sondern um eine aus Angst resultierende aggressive Reaktion.
Reaktiv-aggressive Kinder werden auch von ihrer sozialen Umgebung sehr oft abgelehnt, was in Simons Fall erklären würde, warum seine Mitschüler immer ihn als Schuldigen benennen.
Darüber hinaus interpretieren reaktiv-aggressive Kinder wie Simon, spielerische Attacken häufig als aggressive Angriffe. Wenn Reiner aus einer spielerischen Laune heraus Simon triezt, fasst er dies vielleicht als einen aggressiv gemeinten Angriff auf, reagiert entsprechend massiv, worauf wieder eine noch heftigere Gegenaggression von Reiner folgt. Dies hat anfänglich bei Simon und Reiner unter Umständen dazu beigetragen, die akute Mobbingsituation zu verschärfen. Proaktiv-aggressive Kinder wie Reiner erkennen die leichte Provozierbarkeit ihrer Opfer und nutzen diese zu ihren Vorteil: In den Augen des Direktors ist Simon eindeutig der Angreifer.
Sowohl proaktiv-aggressive als auch reaktiv-aggressiv Kinder zeigen eine erhebliche Stabilisierung ihrer Verhaltensstrategien innerhalb ihres sozialen Umfeldes.
Quelle:
LMU - München Dr. Kulis
Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie
Mai 2005









