Verhaltensprobleme
Kibbs
"Wenn das Unvorstellbare passiert ..."; Zur Psychologie des Krisenmanagements
1. Einführung
2. Thematische und begriffliche Klärung
3. Wie reagieren Kinder und Jugendliche psychisch auf Krisensituationen
4. Ablaufmodell zur Krisenverarbeitung
5. Bewältigungsstrategien von Menschen in Krisen
6. Prinzipien praktischer Vorgehensweisen in Katastrophenfällen
7. Anregungen für Schulen zur fachlich-professionellen Vorbereitung auf künftige Katastrophenfälle: Krisenmanagement
8. Kontaktadressen
9. Literaturhinweise
1. Einführung
Das unfassbare Massaker am 26. April 2002 in Erfurt und die Terroranschläge vom 11. Sept. 2001 auf die Vereinigten Staaten von Amerika haben unvorhergesehene Auswirkungen auf die gesamte Welt und bedrohen für alle schmerzlich den Frieden und unsere Zukunft.
Besonders Schulen spüren diese Erschütterung des Friedens. Die Menschen im System Schule sind betroffen und handeln aus diesem Gefühl heraus. Insbesondere junge Menschen werden durch solche Krisen bewegt.
Darauf reagierten die Lehrkräfte natürlich bereits seit Mittwoch, den 12. September 2001 auf unterschiedliche Weise pädagogisch.
Der vorliegende Text möchte sachliche Hintergrundinformationen liefern, zur Unterstützung der Reflexion von Lehrkräften bei der Vorbereitung weiterer schulischer Angebote im Zusammenhang mit akuten Krisensituation.
2. Thematische und begriffliche Klärung
Die Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten von Amerika lösten eine erhebliche Akutkrise in aller Welt aus.
Schulkatastrophen in der Vergangenheit zeigen, dass Krisen die auch die scheinbar sichere Institution Schule konkret bedrohen: Die jüngsten Gewaltakte in Meißen, Metten und Brannenburg beispielsweise betreffen Schule direkt, Gewaltakte an einzelnen Kindern erschüttern Schulen ebenso. Auch das Sterben eines Mitschülers oder Lehrers löst eine Krise in der Einrichtung aus.
Beispiele für mögliche Krisensituationen in der Schule:
Im unmittelbaren beruflichen Umfeld auftretende plötzliche Konfrontation mit Tod, lebensgefährlichen Krankheiten, sexueller und körperlicher Gewalt, Katastrophen, Unfallszenarien etc.
wie z. B. bei
* Ansteckungsbefürchtung (vgl. die Meningitis -Panik in Niederbayem)
* Sexualmördern ( Epfach, Wilhermsdorf),
* Amokläufen (Freising)
* Gewalteskalationen gegen Lehrer (Metten, Erfurt)
* Suicidversuche bei Schülern und Lehrern ...
Nicht alle Krisensituationen sind deckungsgleich mit mehr oder weniger gewaltsamen Akten, Konflikten oder Streitgeschehnissen bzw. deren Folgen.
Krisen können nur bedingt vorhergesehen werden und sind daher auch nur sehr begrenzt vorbeugbar. Aber: Durch Reflexion und klärende Absprachen im Vorfeld lassen sich Krisenverläufe und deren Bewältigung im Sinn einer Schadensbegrenzung positiv beeinflussen.
Krisen können sich auch aus einer Zuspitzung längerer konflikthafter Prozesse ergeben, brechen aber in ihrer traumatisch-massiven Eindrücklichkeit unerwartet und unvorbereitet auf die Betroffenen herein: Sie schlagen ein wie der Blitz aus heiterem Himmel.
Menschen und auch Institutionen brauchen in Krisensituationen Unterstützung.
Der Begriff Krisenmanagement bezeichnet das bewusste, aktive sich Kümmern um Menschen und um Einrichtungen und deren Mitglieder. Die Notfall-Psychologie und die Trauma-Therapie entwickelten (vor allem in Israel) wirksame Konzepte zur Krisenintervention, zur Nachsorge und zur Krisenprävention insgesamt.
3. Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf Krisensituationen
Je kleiner Kinder sind, desto weniger reagieren sie emotional auf Vorkommnisse, die sie nicht selbst erlebt haben. Mehr schon beeindrucken sie Ereignisse, die ihre „Kinderwelt“ betreffen, beispielsweise wenn in Filmberichten weinende Kinder gezeigt werden, die nicht von ihren Eltern abgeholt werden und Ähnliches.
Auf sonstige Fernsehbilder reagieren Kinder meist weniger emotional. Betroffenheit kann man also von Kindern erst einmal nicht erwarten, verlangen schon gar nicht.
Aber die Reaktionen der jugendlichen Geschwister und vor allem der von Erwachsenen können auch schon kleine Kinder wesentlich beeinflussen – positiv wie negativ - durch gedankenloses Übertragen der Gefühle und Sorgen.
Jugendliche verhalten sich oft genau so wie Erwachsene: Mit Trauer und Solidarität gegenüber den Betroffenen, aber auch mit Angst und im Gefolge der Angst mit Aggression, Wut oder gar Hass auf die (vermuteten) Täter, deren Umfeld und deren ethnische sowie religiöse Zugehörigkeit.
Oft jedoch verbergen gerade Jugendliche ihre Gefühlswelt hinter betonter „Coolness“, Aggressivität oder gar vermeintlicher Herzlosigkeit (eine Lehrkraft berichtet mir z.B., Schüler hätten aus Arbeitblättern Türme gebaut und mit Papierfliegern Zielwerfen veranstaltet).
4. Ablaufmodell zur Krisenverarbeitung
Wenn aus dem gewohnten Alltag heraus das dramatische und erschütternde Ereignis passiert, lassen sich immer wieder folgende, spiralförmig ablaufende Muster der Krisenverarbeitung erkennen:
5. Bewältigungs-Strategien von Menschen in Krisen
Nicht alle Menschen reagieren auf bedrohliche bzw. schockierende Ereignisse mit akuten seelischen Notreaktionen im Sinne eines „Posttraumatischen Belastungssyndroms“. Im Idealfall wird die Spirale aus eigener Kraft durchlaufen. Die Desorientierung klingt bei vielen bald ab und die natürlichen, jedem Menschen eigenen Bewältigungsstrategien beginnen zu greifen:
INDIVIDUELLE KRISENBEWÄLTIGUNGSSTRATEGIEN
WIDERSTANDSKRAFT (Resiliance)
GARMEZY definiert „resilience“ als die Fähigkeit, eine Krise trotz gelegentlicher Rückfälle, Probleme und Tiefs, selbständig oder mit Hilfe anderer zu bewältigen. Ähnliche Begriffe und Konzepte: hardiness (KOBASA), learned resource-fulness (ROSENBAUM), self efficacy (BANDURA), stress inoculation (MEICHENBAUM). Kinder, die sich mit der Ideologie ihrer Eltern identifizieren, verarbeiten politische Gewalt besser als andere (Punamaki, 1996). Optimismus hilft sowohl emotionale als auch physische Schwierigkeiten zu überwinden (Ziegelman, 1991).
Fähigkeit zur Selbstkontrolle hilft Kindern, die Kriegssituationen ausgesetzt sind (Luthar, 1991).
IMAGINATION
Der Leugnungsmechanismus hilft Kinder sich zu distanzieren und somit mit der Situation fertig zu werden (Itzkowitz, 1994).
Illusionen sind ein Mechanismus, der Widerstandskraft birgt, bei Opfern von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung (Mellisa, 1996).
68 % der Mitglieder von Helfer-Teams erlebten sich als wären sie Schauspieler in einem Film,
63 % als würden sie sich auf den Ernstfall vorbereiten.
SOZIALER ASPEKT
Kinder sollen in lebensgefährdenden Situationen natürlich in Sicherheit gebracht werden, es soll aber unbedingt versucht werden die Kinder bei ihren Eltern zu lassen. In Untersuchungen wurde nämlich festgestellt, dass Kinder trotz Lebensgefahr oder Gewalterfahrungen weniger leiden, wenn sie bei den Eltern bleiben können als von ihnen getrennt zu sein (Garborino, 1996). Deshalb sollen die Eltern in der Region nach Möglichkeit dazu angeleitet werden, sich selbst darum zu kümmern, bei wem sie im Krisenfall als ganze Familie Unterschlupf finden können.
Es stellte sich außerdem heraus, dass Kinder, deren Eltern mit ihnen über Krisen- und Katastrophensituationen redeten, zwar mehr Angst zeigten, aber die Situation dann viel besser verarbeiten konnten.
Soziale Eingebundenheit in eine Peer-Gruppe unterstützt den Bewältigungsprozess (Rutter, 1985, Losel, 1989), ebenso wie die Übernahme von Verantwortung für Jüngere oder Kranke (Warner, 1982). Helfen hilft den Helfern.
KOGNITIONS-/REALITÄTS-ASPEKT
Selbstinstruktionen helfen 63 % von Rettungshelfern mit der Situation zurecht zu kommen.
Klare Anweisungen, was zu tun ist, reduzieren Angst und Hilflosigkeit unter Kindern.
Aktive Bewältigung hängt zusammen mit Aktivität überhaupt, Problemlösefähigkeit und Optimismus (Mitchell, 1992, Zeidner & Klingmann, 1994, Gal Or & Tennenbaum, 1994).
PHYSIOLOGISCHER; SENSORISCHER; AKTIVITÄTS-ASPEKT
94 % der Mitglieder von Helferteams gaben an, Aktivität verhindere das Nachdenken über den Sinn der Vorfälle (Mitchell, 1992).
Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, ob man agiert oder reagiert (Rutter, 1985). Übung, Training und Vorbereitetsein wird als unterstützend empfunden (Ursano, 1996).
[ nach Ergebnissen einer Langzeitstudie von Maria WARNER zitiert aus Breitschaft / Engelbrecht / Kroll-Buchholtz]
6. Prinzipien praktischer Vorgehensweisen in Katastrophenfällen
Pädagogische Angebote zur Krisenverarbeitung bedeuten eine sensiblen Gratwanderung zwischen Überreaktion und Lähmung: Denn dieser Ambivalenz der Gefühle in Krisensituationen unterliegen nicht nur die vom Katastrophenfall Betroffenen sondern gleichermaßen auch die potenziellen Helfer.
In der gegenwärtigen Krise sind Lehrkräfte noch dazu in beiden „Rollen“ angesprochen.
Es ist daher notwendig, dass sich die Pädagogen selbst, besser noch das Kollegium als Ganzes, mit der eigenen „Befindlichkeit“ bezüglich der miterlebten Katastrophe beschäftigten.
Erst im Anschluss an eine solche „Selbstklärung“ sollten die mit den Schülern vertrauten Lehrkräfte pädagogisch mit den Klassen arbeiten – und zwar auf gleiche Weise wie sie es selbst praktiziert haben. Das gibt Sicherheit. Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle, Befürchtungen und Hoffnungen: ausdrücke, erzählen, beschreiben, eventuell auch gestalten.
Den Schüler und Schülerinnen muss dabei die Freiheit gelassen werden, sich zurückzuziehen bzw. das Thema später wieder aufzugreifen.
Die Lehrkräfte können darauf vertrauen, dass sich bei ihren Schülern und Schülerinnen (individuell unterschiedlich) die oben genannten natürlichen Bewältigungsstrategien entfalten werden.
Die israelischen Krisenzinterventionszentren unterstützen diesen Prozess durch gezielte, dezidiert lösungsorientierte Maßnahmen:
Das integrative KrisenInterventionsModell
„BASIC Ph“
B
Belief Überzeugungen
Glaube an sich selbst und / oder eine höhere Macht
Werte
Sinnüberzeugungen
Hoffnungen
Mystik
„Man kann alles ertragen, wenn man Überzeugungen hat“.
A
Affect Affekte, Gefühle teilen und mitteilen (jemanden anrufen, schreiben, malen)
direkter oder indirekter Ausdruck von Gefühlen
„Gefühle, ob bewusst oder unbewusst, bilden den Boden
für unsere Erfahrungen in der Begegnung mit der Welt.“
S
Social sozialer Aspekt
Unterstützer nutzen
Familien- und Peergruppenzusammenhalt, Kontakt zu den Eltern herstellen
Teil eines Ganzen sein
„Der Mensch ist zuerst und vor allem ein soziales Tier“.
I
Imagination Illusionen und Leugnungsmechanismen
Intuition, Phantasie, Humor, Kreativität, Improvisation anregen
Ablenkungen
künstlerische Tätigkeiten (Musik, Literatur, Kunst)
handwerkliche Tätigkeiten
kreative Kräfte nutzen
„Illusionen sind die Flammen des Lebens“.
C
Cognitionn sich festhalten an Kognitionen, Realität, Logik
planen, lernen, sich informieren
Rangreihen bilden, Prioritäten setzen, Alternativen durchdenken
CopingStrategien
Selbstgespräche führen, Supervision, Team
„Ich hab’ alles im Kopf“
Ph
Physical physiologische Prozesse beachten
essen, trinken, schlafen, arbeiten, tun
Aktivität, Sport, Sex, kämpfen
Entspannung, meditative Elemente
Aktivität verhindert nachdenken
„Aktivität ist der Schlüssel zur Bewältigung“
entwickelt von Professor Dr. LAHARD gestützt auf die Forschungesergebnisse von Maria WARNER
zitiert aus Breitschaft / Engelbrecht / Kroll-Buchholtz
Die allen Lehrkräften zugänglichen Unterstützungssysteme (wie z. B. die Staatliche Schulberatung) stehen bereit, um in Einzelfällen für Lehrkräfte, Schüler und Eltern Hilfestellung zu geben.
7. Anregungen für Schulen zur fachlich-professionellen Vorbereitung auf künftige Katastrophenfälle:
KRISEN-MANAGEMENT
Präventionsmaßnahmen für mögliche Ereignisse
Jede Katastrophe, ob global oder individuell, löst Schock und Versteinerung aus. Erfolgreiche
Bewältigungsstrategien werden dadurch verzögert bzw. verhindert.
Mit Hilfe konkreter Kriseninterventionspläne kann die notwendige Handlungsfähigkeit von einzelnen Personen, Führungskräften und der gesamten Organisation aufrecht erhalten werden. Denn Menschen und auch Institutionen sind im Krisenfall zeitweilig unfähig, sich selbst zu helfen geschweige denn für Andere planvoll-vernünftig zu handeln.
Damit an Schulen bei Krisenereignissen professionell – pädagogisch gehandelt werden kann, ist es erforderlich, bereits weit im Vorfeld entsprechende Planungen zu treffen, um im Ernstfall nur noch Checklisten abfragen zu müssen, wie man zu handeln hat.
Dieses sogenannte Krisen-Management umfasst zwei große Aufgabengebiete:
Bewältigung der aktuellen Ereignisse und Präventions-Maßnahmen für mögliche Ereignisse
Zur Bewältigung der aktuellen Weltkrise haben viele Lehrkräfte bereits fachkompetent gehandelt:
* Der Anfangsgottesdienst bot die idealfrühe Möglichkeit, spirituell auf das schockierende Ereignis einzugehen
* In den Schulen wurden vielfältige Rituale zur Kanalisierung der emotionalen Betroffenheit aufgegriffen, vertieft oder aufgebaut
* Gebetskreise bieten die Möglichkeit, Friedensfürbitten zu leisten
* Mit den Klassen wird häufig bereits gezielt sachlich gearbeitet
Im Unterricht gilt das Prinzip der Versachlichung unter Wahrung der „Intimsphäre" der Schüler:
Freiwilligkeit wenn emotionale Aspekte überwiegen bzw. in der
Dynamik des Unterrichtsverlaufs Raum gewinnen
Rückzugsmöglichkeit wenn es Schüler sichtlich „zu viel“ wird
Respekt die Gefühle ernst nehmen und mit den Jugendlichen besprechen
Schülerorientierung sensibel mit emotionalen Themen umgehen: Inhalt
und Tiefe der Gespräche von den Schülern entscheiden lassen
Sachlichkeit Fragen der Schüler im Zuge der Erarbeitung
mit dem Ziel der rationalen Sachbezogenheit klären.
Es gibt kein Patentrezept, wie solche Unterrichtsgespräche ablaufen sollten. Es gibt auch keine richtigen oder falschen Formulierungen, wenn man den Grundsatz beherzigt, sich auf dem jeweiligen Entwicklungsniveau der Kinder respektvoll auf deren Fragen und Vorstellungen einzulassen.
Durch Sachlichkeit bekommen diffuse Ängste ein Gegengewicht. Vorurteile können schlecht wachsen, wo Wissen herrscht. Dies gilt auch für kleine Kinder.
Wenn Erstklässler von sich aus fragen, soll die Lehrkraft darauf eingehen. Auf keinen Fall aber soll man vor Kindern von Krieg reden. Auf Fragen, wie: „Kommt jetzt der Krieg?“ kann man beispielsweise antworten: „Nein, das waren Verbrecher, die etwas Böses gemacht haben. Die werden bestraft.“
Es muss nicht sein, mit Grundschulkindern ausführliche Betroffenheits-Zeremonien zu veranstalten. So lange Kinder nichts Konkretes bewerkstelligen können, tun sie sich mit dem Begriff „Solidarität“ schwer.
Die Schulleitung nimmt in den Augen der Kinder eine Art Oberelternrolle ein und von daher ist deren Vorbildsverhalten grundlegend bedeutsam. Es ist wichtig, dass der Rektor bzw. die Rektorin vor die Kinder tritt und ihnen sachlich versichert, dass sie geborgen sind. Die Schulleitung muss den Kindern in einem an der Schule üblichen Ritual vor Augen führen, dass alles getan ist, für die Sicherheit der Kinder, dass geregelt ist, wer sie abholt usw. .
nach Dipl.Psych. Harald ACKERSCHOTT AZ-Interview am 14.9.01
Präventions-Maßnahmen für mögliche Ereignisse
Prävention gliedert sich in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention.
Konkret bedeutet Primärprävention hier Friedenserziehung, Erziehung zu Toleranz und Rücksichtnahme, die Stärkung kommunikativer und sozialer Kompetenzen sowie Interesse für die individuellen Bedürfnisse anderer.
Sekundärprävention beinhaltet die konkrete Vorbereitung auf eventuelle Krisensituationen, also die Bildung und das Training von Kriseninterventionsteams. Auch die Arbeit mit Lehrkräften und anderen Betroffenen wie Polizei und Ärzten sind hier zu nennen.
Unter Tertiärprävention versteht man in diesem Zusammenhang Hilfe für die Betroffenen, aus der traumatischen Situation wieder zum Alltag zurückzufinden.
Für die Prävention empfiehlt sich folgendes Phasenmodell:
1. Bildung eines Interventionsteams
Mit wem kann ich zusammenarbeiten? Wer ist zuständig?
Informationen über die Krise austauschen, mögliche und nötige Interventionen zusammentragen, Angebote an Beteiligte vor Ort machen
2. Einrichtung einer Informationsstelle
Zusammenfluss der Informationen dort organisieren, Presseinformation eigens installieren, Beteiligte vor Interviews schützen
3. Zusammenarbeit vor Ort aufbauen
interessierte Einrichtungen und Hilfsorganisationen an einen Tisch bringen, Polizei, Justiz, etc. einbeziehen
4. Mit Beteiligten Sonderveranstaltungen vorbereiten
Aussprache mit Lehrern, Präfekten und Pädagogen, Aussprache mit Klassen und Heimgruppen, Veranstaltungen für Lehrer, Eltern, Schüler und Öffentlichkeit, Leitfaden zum Gesprächsverlauf, Aufgabenverteilung, Rituale als Ausdruck von Trauer, Erinnerung, Hoffnung, Solidarität und Gedenken initiieren, Übergang zum Alltag sobald wie möglich ebnen.
5. Helfer entlasten
Aussprachemöglichkeit und Supervision; wenn nötig, Einzelnen besondere Hilfe anbieten.
6. Präventive Maßnahmen beraten, die sich als Konsequenzen aus dem Geschehen ergeben.
Neben diesen Gesichtspunkten sind auch folgende Fragen hilfreich, die zur inhaltlichen
Ausgestaltung gestellt werden müssen:
* Was ist konkret passiert? Von wem brauchen wir Informationen?
* Was ist bisher geschehen? (Umgang mit Tätern, Opfern, Presse ...)
* Wie verhalten sich Betroffene und Beteiligte? (Schüler, Eltern, Lehrer, ...)
* Wer ist betroffen? In welchem Ausmaß?
* Wer braucht welche Hilfe?
* Welche Aktivitäten werden von wem für welche Einzelperson/en/Gruppen (bis) wann angeboten?
* Welche Unterstützungssysteme können wie genutzt werden?
* Wer muss sich mit wem vernetzen (round table, Koordinations-Gremium)?
* Wie können Informationsfluss und Transparenz sichergestellt werden?
Im Sinne der Sekundärprävention muss insbesondere auch daran gedacht werden, den Lehrkräften an den Schulen konkrete Anregungen und Hilfestellungen für den Ernstfall an die Hand zu geben.
Folgender Katalog für „den Tag danach“ (abgewandelt nach Bernie Stein) hilft hier weiter:
Eindrücke, Reaktionen und Gefühle schildern
Wo warst du, als es geschah?
* Beschreibe, was geschah, was du gesehen, gehört hast!
Erzähle, was für dich am schwierigsten war, was war der schlimmste Moment für dich!
* Welche Gefühle hattest du?
Was fühlst du nun?
* Was macht dir am meisten Angst? ...
* Wie ging es deinen Mitschülerinnen bzw. Familienmitgliedern?
* Wie geht es ihnen jetzt? ...
Reduktion von Spannungen
* Malen, Schreiben, Gestalten, Gefühle mit anderen teilen
* Furcht und Angst als normale Reaktionen in einer anormalen Situation, für die man sich nicht schämen muss
* Briefe an die Trauerfamilie entwerfen, fiktive Briefe als Abschiedsgruß an das Opfer schreiben
Verständnis der Fakten und der Realität, in der wir leben
* Was weißt du über das Ereignis? Trennen von Tatsachen und Gerüchten
* Zeitungsberichte ausschneiden, eine Dokumentation erstellen
Bewältigungsstrategien ansprechen
Was und wer hat dir geholfen?
Was und wer könnte dir jetzt helfen, um noch besser damit umzugehen?
Wen möchtest du in solchen Trauersituationen am liebsten in deiner Nähe haben? ...
[zitiert aus Breitschaft / Engelbrecht/ Kroll-Buchholtz]
Für manche Erwachsene und auch Jugendliche , seltener auch bei Kindern, genügen solche Interventionen durch die Lehrkräfte nicht.
Nach einem bedrohenden oder schockierenden Ereignis müssen jene Menschen besonders betreut werden, bei denen dieser Vorfall akute seelische Belastungen hervorgerufen hat.
Es bedarf Mitmenschen, die ruhig bleiben und die Übersicht wahren und gleichzeitig fähig sind, die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen wahr zu nehmen und gegebenenfalls auch zu erfüllen. Diese Aufgaben übernehmen im Ernstfall sogenannte KrisenInterventions-Teams.
Im Folgenden sind entsprechende Kontaktadressen zur Planung von Krisen-Management-Maßnahmen bereitgestellt.
8. Kontaktadressen
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP)
Fachgruppe Notfallpsychologie Hotline 0800 777 2244
Zentralerer Ansprechpartner der Regionalgruppe Bayern
Dipl.-Psych. Michael Wetzstein
Tel.: 089-4605421
Fax: 089-46089598
http:// ww.bdp-verband.org/ und http://www.schulpsychologie.de/
Deutscher Bildungsserver: http://www.bildungsserver.de/
Beispiele von Landes-Adressen:
KIBBS: Kriseninterventionsteam des KM: www.kibbs.de
Bayerischer Schulserver: http://www.schule.bayern.de
Staatliche Schulberatung der Freistaats Bayern:
http:// www.schulberatung.bayern.de
9. Literaturhinweise
9.1 primär verwendete Quellen:
Besonders danken möchte ich dem Landesverband Bayerischer Schulpsychologen (LBSP). Der Artikel greift weitgehend auf dortige Veröffentlichungen zurück. Nur so konnte es gelingen, kurzfristig auf die akute Krise eingehen zu können.
Dieser Artikel basiert im Wesentlichen auf dessen einschlägige Veröffentlichungen in der Schriftenreihe FORUM Schulpsychologie. Bezugsadresse: Balthasar-Neumann-Str. 8, 91438 Bad Windsheim
Ackerschott, Harald: Die Kinder sollen weiter spielen (Interview) Augsburger Allgemeine (AZ)
14.09.2001
Breitschaft, Gerlinde Englbrecht, Artur, Kroll-Buchholtz, Maria u.a.: Schulpsychologie in Israel. Forum Schulpsychologie
Band 12 (LBSP 2000)
Englbrecht, Artur Storath, Roland: Wenn das Unvorstellbare passiert... . Krisenmanagement in der Schule LBSP-Info 33 (2001)
Mitteilungen des „Landesverbands Bayerischer Schul-Psychologen“
Ide-Schwarz, Henning Schieber Silke: Auf die Fragen und Vorstellungen der Kinder eingehen Stuttgarter Zeitung 13.09.2001
Schlamp, Katharina: Krise in der Schule Schule in der Krise PowerPointPräsentation (2000, unveröffentlicht)
Schnell, Monika, Wetzel, Helmut: Krisenintervention und Therapie
In: Asenger/Wenninger, Handwörterbuch Psychologie, Seite 371-375, Weinheim (Beltz) 1999
Weinberg, Dorothea: Psychotherapie mit traumatisierten Kindern. Ein Praxisbericht Report Psychologie (25)
Seite 437 – 449, Heft 7/2000 Mitteilungen des „Bund Deutscher Psychologen“
Schuchardt, Erika Warum gerade ich? Leben lernen in Krisen Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1994
9.2 Auswahl von in den Quellen genannter Literatur:
Bowlby, J. Verlust, Trauer und Depression Frankfurt, 1983
Englbrecht, A. Bericht zu Rina Levy
„Chrisis Intervention by the Jerusalem School Psychology Service“
Landesverband Bayerischer Schul-.psychologen LBSP. Forum-Psycho-logie (2000), Vertrieb G. Ullmann, Balthasar-Neumann-Str. 8,
91438 Bad Windsheim
Greenstone, J.L. Leviton, S.B. Krisenmanagement In: Corsini, R.J., Handbuch der Psychotherapie S. 587 – 600. Weinheim, Basel: Beltz-Verlag, 1983
Kübler-Ross, E. Interviews mit Sterbenden Stuttgart, 1980
Lindemann, E. Jenseits von Trauer Göttingen: Vandenhoeck-Ruprecht-Verlag, 1985
Schley, W. Organisationsentwicklung an Schulen
In Ztschft: Report Psychologie, Jg. 13, Heft 1, S. 11-20, 1988
Stein, B. Reaktionen auf Katastrophen in Kommunen in Israel
In: Meißner, B., Sachs, M. Schulpsychologie u. Schulentwicklung, S. 5-20, Landesverband Bayer. Schulpsycho-logen, Forum Bd. 5, 1996
Storath, R. Wenn nichts mehr so ist, wie es war: Sexual-Straftat an Carla – eine Krisenintervention
In: Landesverband Bayer. Schul-psychologen. Forum Bd. 7, 1998
Storath, R. Sex. Mißbrauch im Lebensraum Schule – bewusstes Handeln jenseits von Überreaktion und Lähmung In: Dunkel, L., Enders, C. Lebens(t)raum(a) Schule. Kongress-bericht 13. BUKO Schulpsychologie. S. 289 – 296. Bonn: Dtsch. Psych. Verlag, 1999
United States Department of Education A Guide to Safe Schools – Early Warning Timely Response.
USA – Washington, D.C. 20202, 1998









