Beratung von Schulen
Gewalt an Schulen begegnen
Gewalt an Schulen begegnen oder Schulen begegnen Gewalt
Petra Bachheibl, BRin und Dipl. Psych.: Handlungsmöglichkeiten bei Gewalt in der Schule
Inhaltsübersicht:
1. Einführung
2. Neuere Definitionen zur Gewalt
3. Ausgewählte Ursachen
4. Konkrete Handlungsmöglichkeiten
4.1. Anti-Gewalttraining der Kriminalpolizei in Köln
4.2. Gordon-Training
4.3. Konstanzer Trainingsmodell
4.4. Mediation (Streitschlichtung)
4.5. Supervision
4.6. Anti-Mobbing-Programm von Dan Olweus
5. Sonstige Hilfsmöglichkeiten
5.1. Lions-Quest
5.2. ALF
5.3. Krisenmanagement
6. Literaturhinweise
1. Einführung
München, den 16. Juni 1999
Nach längeren Streitigkeiten lauert ein 12-jähriger Schüler einem gleichaltrigen Jungen nach der Schule auf, bedroht diesen mit einem Messer, fesselt ihn und fügt ihm mit einer Glasscherbe tiefe Schnittwunden zu. Folgen: Krankenhaus für das Opfer, Schulverweise für den Täter.
Berlin, den 28. Mai 1999.
Ein Berufsschüler betritt eine fremde Klasse während des Unterrichts. Dort beginnt er ein Gespräch mit einem befreundeten Schüler. Nach wiederholten Aufforderungen des Lehrers, die Klasse sofort zu verlassen, dreht sich der Schüler um, geht nach vorne und schlägt den Lehrer wortlos nieder. Danach verlässt er den Klassenraum. Folgen: Gehirnerschütterung des Lehrers, Anzeige, Schulverweis.
Die Beispiele von Gewalt an Schulen oder von Schülern sind zahlreich, diese hier jedoch stammen aus dem Text "Schulen - Brutstätten der Gewalt", der zur Abschlussprüfung an Realschulen in Bayern im Jahr 2000 den Schülern vorgelegt wurde. Bereits darin wird deutlich, was in Folge immer wieder kontrovers diskutiert wird: laut Polizeistatistik der starke Anstieg der Kriminalität bei Tätern unter 21 Jahren.
1995 waren es 87,3 % der Schüler, die noch nie eine Schlägerei mitgemacht haben oder zusammengeschlagen worden sind, Jahre zuvor waren es noch über 90%. Die Anzahl der Mehrfachtäter stieg über die Jahre von 2 auf 6% an. Insgesamt werden nur 4% der Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen direkt an Schulen verübt
(laut einer Untersuchung von Prof. Tillmann an hessischen Schulen).
Dennoch steht fest , dass viele Einzelfallgeschichten und Statistiken zu einer zunehmenden Verunsicherung unter allen Betroffenen führen.
Um sich mit den verschiedenen Handlungsmöglichkeiten auseinandersetzen zu können, sollten neuere Begriffe im Zusammenhang mit Gewalt verwendet werden.
2. Neuere Definitionen zur Gewalt (Aggression)
Aggression ist "ein Verhalten, das andere schädigen soll" (Brehm und Kassin 1990, M. Schäfer, S. 154)
Crick: Relationale Aggression als Unterscheidung zur physischen Aggression: Dabei handelt es sich um ein "Verhalten, das Beziehungen einer Person zu Gleichaltrigen oder die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit und Akzeptanz beschädigt." (findet man bereits bei Dreijährigen, die sich z. B. taub stellen oder jemanden ignorieren.)
Es wird davon ausgegangen, das Jungen physisch aggressiver sind und Mädchen relational aggressiver.
Bullying als Unterform der Aggression (Mobbing ist der analoge Begriff aus der Arbeitswelt), wo sich mehrere Gleichaltrige zusammenschließen und gegen einen einzelnen verbal, physisch vorgehen.
Rough and tumble play sind Raufereien an der Grenze zwischen Spaß und Ernst z. B. am Pausenhof. Diese gelten jedoch als prosoziales Verhalten (Oswald), wo nur bestimmte Grenzen ausgetestet werden. Leider kommt es dabei auch zu Unfällen.
3. Ausgewählte Ursachen
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass multifaktorielle Ursachen zur Entstehung von Gewalt beitragen. Diese im einzelnen aufzuzählen würde den Rahmen des Beitrags sprengen. Zu verweisen ist auf die Frustrations-Aggressionshypothese von Miller, N.E./ Dollard J. (1971, inzwischen z.B. durch ethologischen Forschungsergebnisse kritisiert), auf verschiedene Lerntheorien und auf gesellschaftliche Ursachen. Nach der Shell-Studie Jugend '97 sehen 45,3% der Jugendlichen Arbeitslosigkeit als Hauptproblem. Die Häufung von Tätern an Schulformen, die schlechte berufliche Chancen wahrscheinlich machen, bestätigt diese Ergebnisse.
Erwähnenswert sind auch die Feststellungen des Medienpsychologen der Universität Utrecht Jo Groebel, die er anlässlich der Kinderschutzkonferenz am 1. März 2000 in München getroffen hat . Er führte aus, dass das Fernsehen zu „ einer weltweiten Kultur der Gewalt beiträgt.“ Ein Phänomen liege darin, dass junge Menschen, die Möglichkeit sehen als „Massenmörder berühmt zu werden“(Fall Mehmet). Die Belohnung ihrer Tat dabei ist die Berühmtheit. Über Risikobereiche der neuen Medien äußert sich Groebel folgendermaßen: Es finde eine Kultivierung von extremster Gewalt statt. (Einer meiner Schüler zeigte ein Toten mit einem Kopfschuss, den er aus dem Internet heruntergeladen hatte im Skikurs herum). Dies spricht dafür, dass sich Lehrer ernsthaft mit diesen Pfaden im Internet auseinander setzen (z. B. Rotten.com). Zudem ist es mittlerweile leichter sich mit anderen Gleichdenkenden zusammenzufinden und Gewalttaten vorzubereiten. (Ergänzend lässt sich sagen, dass weltweit 500 000 kinderpornographische Darstellungen im Internet ( § 184/III StGB) im Umlauf sind – eine besondere Form der Gewalt der heutigen Gesellschaft gegenüber Minderjährigen.)
Der ehemalige amerikanische Militärpsychologe Grossmann, der jahrzehntelang mit der Erforschung des Abbaus menschlicher Hemmschwellen vor dem Töten beschäftigt war und dem es auch mit psychologischen Mitteln gelang, den natürlichen Tötungskomplex bei den Soldaten auszuschalten, warnt heute Eltern und Erzieher vor den Folgen von Gewaltszenen im Fernsehen und auch in Video- und Computerspielen. Seine zentrale These lautet „Fernsehgewalt konditioniert uns dahin, Spaß und Freude an der Gewalt zu haben, Lustgefühle aus ihr zu beziehen. Erst wenn jemand in einer Situation ist, in der seine natürliche Hemmung gegen Gewalt funktionieren müsste, merkt man, dass diese natürliche Hemmschwelle zerstört ist – auf den Schulhöfen unserer Kinder ist das eine tägliche Erfahrung. Unsere Kinder sind denselben Mitteln ausgesetzt, die das Militär zur Desensibilisierung von Soldaten einsetzt.“ (Weiß, S. 87-88) Grossmann unterrichtet jetzt Psychologie an der Arkansas State University in den USA.
Zudem lässt sich ergänzen, dass 50 % der Kinder mittlerweile einen eigenen Fernseher besitzen.
Als weitere außerfamiliäre Risikobedingungen für Gewalt nennt Prof. Dr. Friedrich Lösel von der Universität Erlangen/Nürnberg:
- Familiäre Isolation
- Soziale Randständigkeit
- Desinteressierte Nachbarschaft
- Konzentration von Risikofamilien in bestimmten Bezirken.
Aufgrund dessen führte Lösel verhaltenstherapeutische Elterntrainingsprogramme zur Förderung der Erziehungskompetenz durch (10 Sitzungen an je einem Abend) mit dem Ziel Eltern zu stärken, das sogenannte Empowerment.
In Bezug auf familiäre Ursachen muss man in Betracht ziehen, dass es bereits 1998 200.000 Scheidungen in der BRD gab. Die Zürcher Psychologin Eva Zeltner , Verfasserin des Buches „Mut zur Erziehung“, beschreibt Kardinalfehler der heutigen Elterngeneration: So ist es ihrer Meinung nach eine „gravierende Sünde, Liebe mit materieller Verwöhnung zu verwechseln. Die Wünsche der Kinder werden abgefertigt, gleichzeitig wird ignoriert, was Kinder am meisten fordern, was aber heute ein Mangelartikel ist: Zeit. Mütter räumen ihren Kindern alles aus dem Weg, jede Schwierigkeit, jedes Problem. Gleichzeitig verfolgen sie jeden Schritt kontrollierend per Handy. Derart gegängelte Kinder können keine eigenen Strategien entwickeln, Konflikte zu lösen“(Spiegel 33/2000). So wird gesellschaftlich das Problem einer Verwöhnungsgesellschaft beschrieben.
4. Handlungsmöglichkeiten
„Konflikte lassen sich nicht vermeiden, Gewalt dagegen schon“ (Rosik)
Das Gewaltphänomen ist nicht erst seit kurzem zu beobachten, viele Erwachsene kennen gewisse Ausprägungen davon ebenfalls aus ihrer Schulzeit. Inzwischen existieren bereits eine Reihe von Maßnahmen, die sich anbieten, sowohl präventiv als auch im nachhinein damit umzugehen. Die hier dargestellten Möglichkeiten erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sollen aber zeigen, dass man Gewalt durchaus nicht hilflos gegenüberstehen muss.
Nolting/Paulus (Pädagogische Psychologie,1993, S. 319- 330) schlagen als Vorgehensweise bei aggressiven Handlungen im schulischen Kontext vor:
1. Hemmung eines unerwünschten Verhaltens
2. Verminderung unerwünschter Anreger
3. Angebot von positiven Anregern
4. Veränderung von Einstellungen
5. Förderung eines alternativen Verhaltens.“
Im schulischen Rahmen nimmt dabei die Bedeutung des proaktiven Klassenmanagements (Heller/Ziegler) zu. Lehrkräfte, die ihre Schüler im Unterricht motivieren können, zeichnen sich durch eine erhöhte Aufmerksamkeit und Präsenz aus. Sie schaffen es das Interesse der gesamten Klasse auf sich zu konzentrieren und verfügen über ein Bewegungsmanagement, das heißt, Dynamik und nicht Statik beherrschen den Unterrichtsstil. Sie können gleichzeitig mehreren Aufgaben nachkommen und lassen Langeweile im Unterricht erst gar nicht entstehen.
Grundsätzlich lassen sich präventive und intervenierende Handlungsmöglichkeiten unterscheiden. Hier kann es durchaus zu Überschneidungen kommen.
Viele präventive Maßnahmen werden bereits heute an Schulen durchgeführt:( Weiß S. 268) wie etwa folgende Unterrichtsprojekte
Klassenregeln gegen Gewalt
Klassengespräche zu Horror- und Gewaltvideos mit Videodemos
Elternabende
Schulische Verbesserungsmaßnahmen (Schule gestalten)
Entspannungsverfahren für den Unterricht und vieles mehr.
Als Beispiel kann das Anti-Gewalt-Training der Kriminalpolizei im Schillergymnasium in Köln (dargestellt in Pro Jugend 4/5 1999, S. 13) dienen:
a) 9. Kl. „Eure Klasse hat eine Abenteuerreise gewonnen...in die Antarktis. Mitten auf einer Entdeckungstour durch Schnee und Eis versinkt euer Lehrer auf einer Eisscholle. Seine letzten Worte an Euch lauten: Eigentlich ist jeder von Euch fähig , die Gruppe zurück ins Lager zu führen. Derjenige, der länger als eine Minute auf diesem Stuhl sitzen bleibt, soll euer neuer Teamleiter sein. So jetzt könnt ihr loslegen. ( auf die Idee einer Mehrheitsentscheidung durch Wahl sind die Schüler allerdings nicht gekommen).
b) Zettel mit vorgegebenen Gewaltsituationen werden ausgeteilt – Schüler sollen entscheiden, ob es sich um keine oder viel Gewalt handelt. Daran erkennen die Schüler : Es entscheidet immer das Opfer, was Gewalt ist.
c) Pantomimische Nachstellung von möglichen Gewaltsituationen zur Verbesserung der eigenen Reaktion (Tipp: Schulfilm Dienstag: Gewalt in der U-bahn HR) Geübt wird z. B. eine fiktive Anmache in der Straßenbahn: Nehmen sie sofort die Hand von meinem Hintern! Könnte die Antwort lauten.
Eine Gewalttat dauert im Schnitt nur 10 Sekunden.
Das Trainingsprogramm umfasst lediglich circa 6 Schulstunden und ist damit zu kurz, denn Verhaltensänderungen kann man eigentlich nur durch ein dauerhaftes Training erreichen.
4.1 Das Gordon-Training
Dieses Training verfolgt mehrere Ziele. Den Teilnehmern wird die notwendige Kompetenz vermittelt, angemessen auf Probleme von Schülern und Eltern zu reagieren und besser mit Disziplinschwierigkeiten umzugehen . Außerdem sollen die bereits vorhandenen Methoden der Gesprächsführung erweitert werden und bei der Durchsetzung wichtiger Anliegen Fairness geübt werden.
Dementsprechend werden im Gordon-Training Kommunikationstechniken, die auf Toleranz und Anerkennung basieren, eingeübt. Zudem erfolgt eine pädagogische Besinnung auf die Lehrer-Schüler-Beziehung. Zum Beispiel werden Konfliktlösungen angestrebt, bei denen kein Konfliktpartner eine Niederlage einstecken muss. Die sechs verschiedenen Schritte des Gordon-Trainings lauten zusammengefasst:
(Folie)
1. Formulierung des Problems
2. Sammlung von Lösungsmöglichkeiten
3. Auswählen einer Lösung
4. Verbesserung der gefundenen Lösung
5. Schrittweise Verwirklichung
6. Abschließende Bewertung der Lösung
Fortbildungsmöglichkeiten zum Gordon - Training :
Es besteht die Möglichkeit der Teilnahme an Kursen in der Schule durch einen Trainer oder der Besuch von Fortbildungen zu diesem Thema in der Akademie Dillingen.
4.2 Das Konstanzer Trainingsmodell (nach Tennstädt, K.- Ch.)
Die Ziele dieses Modells beziehen sich hauptsächlich auf den Unterricht. Es sollen Störungen, die im Unterricht auftreten, sowie extreme Unterrichtsstile vermindert werden. Zudem wird Kompetenz im Umgang mit Unterrichtskonflikten vermittelt. Das Training erfolgt durch partnerschaftliche Bearbeitung von Trainingsmaterial. Die Partner führen zusätzlich gegenseitige Unterrichtshospitationen durch.
4.3 Mediation und Konfliktmanagement (Streitschlichtung)
Mediation gilt als vielversprechender Weg einer lösungsorientierten Konfliktkultur.
Bei der Mediation handelt es sich um eine Vermittlung in Konflikten durch unparteiische Dritte. Im schulischen Bereich werden dazu einzelne Schüler zu Konfliktlotsen ausgebildet, man spricht in diesem Falle von einer Peermediation. Dafür werden meist beliebte Schüler wie Schüler- oder Klassensprecher ausgewählt. Diese erhalten eine Sprechzeit während einer Unterrichtsstunde und einen eigenen Mediationsraum. In der Pause gibt es bestimmte Plätze , wo man Mediatoren als Ansprechpartner finden kann. Das Streitschlichtermodell kann an einer Schule nur erfolgreich aufgebaut werden, wenn Schulleiter und Kollegium sich bereit erklären, das Projekt zu unterstützten und sich nicht in die Konfliktregelung der Schüler einmischen.
Der Mediationsprozess lässt sich in drei verschiedene Phasen einteilen:
Die Vorphase: Die Konfliktparteien sollen an einen Tisch kommen.
Das Mediationsgespräch unterteilt sich wiederum in 5 Phasen:
1. Vorbereitungsphase: Einleitung
2. Eröffnungsphase: Sichtweise der Konfliktparteien
3. Definitionsphase: Konflikterhellung
4. Verhandlungsphase: Problemlösung
5. Abschlussphase: Übereinkunft
Die Umsetzungsphase, wo die Einigung überprüft wird.
Die Betroffenen sollen beide als Sieger aus dem Konflikt herausgehen.
Mediation wird von der Brücke e. V. , KISKO und z.B. in Ingolstadt von Medialog durchgeführt. Die Akademie in Dillingen (ALP) hat in Zusammenarbeit mit der Aktion Jugendschutz einen Film „Wenn zwei sich streiten“ und ein zugehöriges Handbuch herausgegeben.
Kisko (Konflikte in Schulklassen kommunikativ lösen) ist eine Initiative des Schülerinnen- und Schülerreferats im Erzbischöflichen Jugendamt München. Im Moment umfasst die Arbeit von Kisko drei Bereiche: Trainings für ganze Schulklassen, Lehrerfortbildung zum „Umgang mit Konflikten“ und die Ausbildung von Schülern als Streitschlichter an einer Schule. Die Programme sind als schnelle Intervention für akute Konflikte in Schulklassen gedacht. Diese Trainings gelten als Schulveranstaltung. Die Finanzierung muss durch die besagte Schule erfolgen.
Kisko arbeitet laut der Informationsbroschüre „Kisko- Ein Angebot gegen Gewalt in der Schule“ (S. 16) nach folgenden acht Prinzipien der Konfliktlösung:
- Prinzip der Konfliktbejahung
- Prinzip des Nicht-Verlierens
- Prinzip der beiderseitigen Verursacher
- Prinzip der Offenheit und Aufgeschlossenheit
- Prinzip des Vorrangs der Selbsthilfe
- Prinzip des Einsatzes von angemessener Fremdhilfe
- Prinzip des sofortigen Angehens von Konflikten bei der Entstehung
- Prinzip des Ausdrucks von Gefühlen
Weitere Informationen sind erhältlich unter:
Schülerinnen- und Schülerreferat im Erzbischöflichen Jugendamt München Theatinerstr. 3, 80333 München, Tel. 089/ 29068-130.
4.4 Supervision
Supervision heißt über berufsbezogene Probleme nachzudenken. Man unterscheidet zwischen Gruppen- und Einzelsupervision. Ein Ziel ist es, berufliche Belastungen besser zu bewältigen und Konflikten vorzubeugen. Dafür werden u.a. Schulpsychologen als Supervisoren ausgebildet, die eine regelmäßige und professionelle Unterstützung leisten können.
4.5 Das Anti-Mobbing-Programm nach Dan Olweus
Dan Olweus hat es geschafft ähnlich wie die Gerhard-Hauptmann-Hauptschule mit ihrer demokratischen Schule verschiedene Ansätze zu integrieren.
Das Interventionsprogramm von Dan Olweus bezieht sich auf die Schul-, Klassenebene und auf die persönliche Ebene (S. 69 –70):
Als Maßnahmen auf Schulebene schlägt er vor:
- Fragebogenerhebung zur Bestandsaufnahme
- Pädagogischer Tag „Gewalt und Gewaltprävention in unserer Schule“
- Schulkonferenz „Verabschiedung des Schulprogramms Gewaltprävention“
- Bessere Aufsicht während der Pause und des Essens
- Schönerer Schulhof
- Kontakttelefon
- Kooperation Lehrkräfte- Eltern
- Lehrer- und Lehrerinnengruppen zur Entwicklung des sozialen Milieus an der Schule
- Arbeitsgruppen der Elternbeiräte (Klassen- und Schulelternbeiräte)
Für die Klassenebene sieht er folgende Maßnahmen vor:
- Klassenregeln gegen Gewalt
- Regelmäßige Klassengespräche
- Rollenspiele, Literatur
- Kooperatives Lernen
- Gemeinsame positive Klassenaktivitäten
- Zusammenarbeit von Klassenelternbeirat und Lehrkräften
Maßnahmen auf der persönlichen Ebene können sein:
- Ernsthafte Gespräche mit Gewalttätern und –opfern
- Ernsthafte Gespräche mit den Eltern beteiligter Schüler
- Lehrkräfte und Eltern gebrauchen ihre Phantasie
- Hilfe von „neutralen“ Schülern
- Hilfe und Unterstützung von Eltern (Elternmappe)
- Diskussionsgruppen für Eltern von Gewalttätern und –opfern
- Klassen- und Schulwechsel“
Das Erstellen von Klassenregeln erscheint bei Auftreten von gewalttätigen Verhalten als sehr wichtig. Gleichzeitig sollten Sanktionen für Regelübertretungen festgelegt werden. Klassengespräche sollen regelmäßig stattfinden.
Zudem soll die Schule auf eine qualitativ verbesserte, aktive und präventive Pausenaufsicht achten.
Das Buch „Gewalt in der Schule“ von Dan Olweus sollte als Standardwerk in jeder Schule verfügbar sein.
5. Sonstige Hilfsmöglichkeiten
5.1 Lions Quest - ein Life-Skills-Programm zur Gewaltprävention für verschiedene Jahrgangsstufen
Ein vielfältiges Materialangebot erlaubt es Lehrkräften, langfristig im Unterricht verschiedener Fachrichtungen präventiv zu arbeiten. Hierzu müssen sie jedoch in eigens dafür geschaffenen Seminaren des Lion-Clubs zu Multiplikatoren ausgebildet werden.
Die Vorgehensweise orientiert sich grundsätzlich an den vorhandenen Ressourcen des Kindes. Gewalttätigkeit soll vorgebeugt werden, indem man z. B. das Klassenklima verbessert oder die Kommunikationsfähigkeit von Schülern und Lehrkräften trainiert.
Emotionales und soziales Lernen stehen hier im Zentrum.
In Abensberg (Anton G. Schmid) werden vom Lions Club Kelheim-Holledau bayernweit Kurse abgehalten. Teilnehmer erhalten das Lehrerhandbuch "Erwachsen werden" mit Unterrichtsmaterialien zur Stärkung der Schülerpersönlichkeit.
5.2 ALF
ALF steht für Allgemeine Lebenskompetenzen und Fertigkeiten.und wird vom Rotary Club gefördert. Ein Seminar für Lehrkräfte dauert zwei Tage, in Dillingen drei Tage. Auch hier steht die Prävention im Vordergrund; wie die Abkürzung sagt: Allgemeine Lebenskompetenzen und Fertigkeiten sollen vermittelt werden. An Münchner Hauptschulen existiert dieses Projekt seit 5 Jahren, wissenschaftlich begleitet vom Institut für Therapieforschung München (IFT). An den Gymnasien in Bayern ist Frau Cygan-Gugelhör vom Gymnasium Bad Aibling Projektleiterin für ALF.
Institut für Therapieforschung München (IFT)
5.3 Krisenmanagement
"Wie verhält man sich, wenn man nicht mehr weiß, wie man sich verhalten soll?"
oder "wenn das Unvorstellbare passiert?"
Im April 1999 geschah das schreckliche Schulmassaker in Littleton bei Denver, wo zwei Schüler einer Highschool 13 Mitschüler und dann sich selbst mit Schusswaffen töteten. B bei diesem Ereignis spielte auch der Film „Basketball“ mit Leonardo di Caprio eine Hauptrolle. "Als brutaler Täter dringt er mit einem pumpgunähnlichen Maschinengewehr in Machopose in ein Klassenzimmer ein und richtet dort ein Massaker unter den Mitschülern an. Pubertäre Rachephantasien als Reaktion auf ständige Demütigungen durch andere Schüler in Verbindung mit waffengeilen Bedürfnissen, neonazistischen Ideen und aufputschender Musik der Neonaziband Ramstein, an deren Texten sie sich berauschten, machten aus Opfern brutale Täter.“ (Weiß S.88)
Auch bei uns lassen sie derartige Fälle finden wie die Beispielliste nach Weiß (S. 92) zeigt:
28. 10. 99 : "Koblenz: Eltern getötet und Schwester zerstückelt"
1.11. 99: Bad Reichenhall: "16-jähriger läuft Amok“
9. 11. 99: Meißen: Meißner Schüler hat Tat angekündigt – Gymnasiallehrerin aus Hass im Klassenzimmer erstochen. „ 22 Mal auf Lehrerin eingestochen“
Febr. 2000: Brannenburg: Schulleiter erschossen.
All diese Beispiele machen deutlich, dass ein Krisenmanagement an der Schule nötig wird. Krise kommt aus dem Griechischem Krisis und bedeutet Entscheidung bzw. entscheidende Wendung.
Unter Krise versteht man eine vorübergehende Instabilität eines Individuums oder eines sozialen Systems. Zur Krise kann es auch durch Tod, sexuelle Gewalt, Suizid, Krankheit, Amoklauf kommen.
Typische Symptome sind: Stress, Labilität, Desorganisation, Angst, Lähmung, Chaos, Hilflosigkeit, drohender Kollaps.
Bereits 1943 befasste sich Erich Lindemann anlässlich eines tragischen Ereignisses im Grove Club in Boston mit Krisenintervention. Er untersuchte die Trauerreaktionen der überlebenden Freunde und Verwandten der Umgekommenen. Auch er stellte fest: “Disorganization and tension with disruption to bodily and thought processes, and attempts to mobilize ressources and to adjust to the situation.”
Eine auf die Praxis bezogene Aussage über Krisenintervention stammt von Donker:
„Der erste Ausgangspunkt der Krisenintervention besteht darin, dass einem Patienten in der Krise so schnell wie möglich Hilfe gegeben werden muss. Die Hilfe muss unmittelbar gewährt werden, sobald der Patient darum bittet, also auch nachts und am Wochenende.
Die gesamte Betreuung soll kurz dauern. Ein bis drei maximal zehn Gespräche innerhalb eines kurzen Zeitraumes von höchstens zwei Wochen.
Intensität der Hilfe: Die Gespräche werden im schnellen Tempo, kurz hintereinander geführt, d. h. jeden Tag oder alle zwei oder drei Tage ein Gespräch.
Die angebotene Hilfe soll konkret sein. Krisenintervention bemüht sich um praktische Lösungen für eine aktuelle Situation. Krisenintervention hat weniger therapeutische Ambitionen, sie trachtet also nicht nach einer Modifizierung der Persönlichkeit. Sie versucht vielmehr dem Patienten soweit zu helfen, dass die Krise vorbeigeht und der Patient selbst erst einmal weiterleben kann.“
1. Was führt weiter?
- Sofortiges Kümmern, dadurch wird eine Entlastung spürbar
- Supervisionsgruppe im Kollegium
- keine Tabuisierung, dadurch entsteht die Chance der Distanzfindung
- Rückmeldung, Zuspruch
- Vernetzung
- Perspektivenwechsel
Dies alles gilt als Benennarbeit und ist damit eine Konzeption, die entlastet.
Denn „Es gibt keine normale Reaktion auf Unnormales“
Im Gespräch stehen Akzeptanz, Zuhören und kleine Gesten an erster Stelle.
2. Überlegung: Was mir geholfen hat und was ich mir gewünscht hätte?
3. Informationen
Was ist passiert? Wer braucht Hilfe? Wer wird vergessen?
1. Schritt: Kreise der Betroffenheit malen.
Wer ist betroffen, wer könnte wem helfen?
„Hilfe definieren die, denen man helfen will.“
- unmittelbare Nähe zum Trauma (direkt Betroffene)
- Mittelbare Traumanähe
- Hördistanz, Schulaufsicht, Nachbarschaft
- Regionale Nähe: Gemeinde Kirchengemeinde, Presse Anwohner
Überlegen, wer könnte support (Unterstützung) geben!
Ziel:
a) Schadensbegrenzung : Distanz zur Emotion
b) Chancen: Krise als Chance, sich weiter zu entwickeln
c) Verzögerte Traumatisierungen (z. T. eine Woche nach Erlebnis)
(nach Roland Storath u. Arthur Engelbrecht , Schulinnovationskongress April 2000)
Nicht übersehen sollte das Statement von Professor Christian Pfeiffer, dem Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover, werden: “ Je besser eine Schule ist, um so weniger Probleme hat sie mit Gewalt. Es ist belegt, dass Schuldirektoren und Lehrer aktiv die Zahl der Gewalttaten an ihrer Schule beeinflussen können.“
6 Literaturhinweise
Bründel, H. & Hurrelmann, K. (1994). Gewalt macht Schule. München: Droemer Knaur
Huisken, F.(1996). Jugendgewalt. Hamburg: VSA
Holtappels, H. / Pöhlker, R. u. a. : Hilfen gegen Gewalt Zeitschrift Pädagogik Heft 1 /1999
Olweus, D. (1996). Gewalt in der Schule. Bern: Hans Huber
Pilz, G. Gewalterfahrungen in der Lebenswelt junger Menschen, aus pro jugend
Tennstädt, K.-Ch., Krause, F. Humpert, W. , Dann, H. D. (1987): Das Konstanzer Trainingsmodell (KTM). Ein Selbsthilfeprogramm für zeitgemäßes Unterichten und Erziehen. Bern Huber
v. Spaun, K. (1994). Gewalt und Aggression an der Schule. München: ISB










